Digitalisierung – Daten müssen demokratisiert werden

6 Min. Lesezeit
5. August 2021

Dass man remote über Ländergrenzen hinweg gut zusammenarbeiten kann, haben Christian Köhler von NetApp, Marco Richardson von der INCLUSIFY AG und unser ACP-Lead Expert Digital Solutions Franz Ortner schon bewiesen. Zwischen zwei Terminen haben sich die  Experten ein wenig Zeit für die Fragen unserer Blog-Redaktion genommen.


Digitalisierung ist euer Kerngeschäft: Erklärt ihr kurz, worin euer Daily Business besteht?

Franz Ortner:
Mehr als 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Österreich und Deutschland sind die ACP. Wir entwickeln tagtäglich maßgeschneiderte IT- und Digitallösungen für Unternehmen, Behörden und Organisationen. Der Laptop fürs Home Office kommt über uns, wir betreiben Rechenzentren für Universitäten, wir sind die IT-Hotline in Krankenhäusern. Wir sind überall, wo Informationstechnologie von Bedeutung ist. Und das Seite an Seite mit so spezialisierten Partnern wie NetApp. Wenn das Herz operiert werden muss, lässt man die Herzchirurgen ran. Wenn es um Datafabric und Cloud geht, einen Experten wie NetApp.

Christian Köhler:
NetApp arbeitet im Bereich der Datenspeicherung und des Datenmanagements. Im Unterschied zu anderen Unternehmen haben wir uns auf Daten spezialisiert. Wir können nichts anderes außer Daten. Die größten Clouds der Welt laufen über uns. Wer einen Animationsfilm ansieht, bekommt auch ein wenig NetApp zu sehen. In der Formel 1 hängt die Daten-Cloud immer zwischen Fahrzeug und Boxengasse. Und wer einen Orangensaft zum Frühstück trinkt, der kann sicher sein, dass die HACCP-Daten (Anm.: Auf allen Stufen der Lebensmittelproduktion eingesetztes Qualitätssicherungssytem) erfasst werden und rückverfolgbar sind.

Marco Richardson:
Und wir bei der INCLUSIFY AG sind bestrebt, Alltag und Arbeit für die Menschen zu erleichtern. Wir möchten ihnen Informationen dann digital zugänglich machen, wenn sie diese wirklich benötigen. Mittels der von ihnen beherrschten Sprache, oder jenes Sinneseindrucks, der am stärksten ausgeprägt ist. Lasst mich das Orangensaft-Beispiel von Christian aufnehmen. In der Lebensmittelindustrie sind viele Menschen beschäftigt, die Deutsch nicht als Muttersprache sprechen. In Deutschland ist es jeder dritte Arbeitnehmende.

Die Produktion von Lebensmitteln ist von vielen Verordnungen rund um Hygiene und Lebensmittelsicherheit bestimmt. Damit es nicht zu Verunreinigungen kommt, müssen Arbeitsschritte genauestens eingehalten werden. Wir sorgen bei der INCLUSIFY beispielweise dafür, dass Arbeitsanweisungen KI-gestützt in die Sprache der Mitarbeitenden übersetzt werden können. Oder dass Bedienungsanleitungen von Maschinen nicht in Papierform studiert werden müssen, sondern dass sie virtuell an die Abfüllanlage angeheftet werden und über Smartphone oder Datenbrillen zugänglich sind. Auch wieder in der gewünschten Erstsprache oder als Bot, der einem die gesuchten Informationen vorliest.


An welcher Stelle verschmelzen eure Geschäfte?

Christian Köhler:
Das Ding ist, dass wir im Zeitalter der Daten leben und arbeiten. Viele Menschen zucken aber bei Excel-Tabellen mit der Schulter oder verziehen das Gesicht. Macht man sich aber die Mühe, zusammen mit der Kundschaft zu erarbeiten, wer für das Vorankommen seiner Arbeit die Informationen wann und in welcher Form benötigt, dann sind wir ganz schnell beim Tätigkeitsbereich der Kollegen von ACP und INCLUSIFY. Nämlich der Aufbereitung von Daten und deren Zurverfügungstellung an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit. Und das in hübschen Dashboards, in denen ich Änderungen rasch ablesen und darauf reagieren kann, indem ich die Maschine entsprechend justiere.  

Marco Richardson:
Oder ganz banal, damit ich die Maschine richtig und unfallfrei bedienen kann. 

Franz Ortner:
Außerdem müssen Daten oft auch vorgehalten werden. In der Industrie muss beispielsweise lückenlos nachvollzogen werden können, wo es zu einem Fehler in der Produktion gekommen ist. 

Daten gewinnen einfach immer mehr an Bedeutung. Wenn man die Logistik hernimmt, dann wurden in den 1970er Jahren Daten unterstützend eingesetzt. Heute sind sie gleichzeitig sowohl wertvolle Ressource als auch finales Produkt. In der mechanischen Industrialisierung standen physische Produkte im Mittelpunkt. Heute entwickeln wir in Kooperation mit Customern komplementäre digitale Services und Softwareprodukte und planen den sinnvollen und nachhaltigen Einsatz von Hardware wie AR-Brillen.

Marco Richardson:
Um für die Zukunft erfolgreich zu bleiben, müssen Unternehmen auf die Digitalisierung vorbereitet sein. Und der entscheidende Faktor dabei ist es, die dort arbeitenden Menschen mitzunehmen. Wer bei den von Christian angesprochenen Excel-Tabellen das kalte Grausen empfindet, wird dennoch den Mehrwert erkennen, wenn die Informationen entsprechend aussagekräftig gestaltet sind. Beispielsweise beim Auto-Tacho, wenn man sieht, was das Schalten in den nächsten Gang bewirkt, nämlich die Ersparnis von Treibstoff. Bis der Tacho aber mal gebaut ist, müssen andere Schritte gegangen werden.

Was ich neulich gelesen habe: Es gibt keine digitale Sicherheitsunterweisung, sondern nur eine Digitalisierung derselbigen. Dafür müssen auch die Prozesse, Organisationsstrukturen und die Rollen evaluiert und neu aufgeteilt werden. Hat der Meister in den Sechzigern dem Azubi gesagt, "greif da mal lieber nicht rein, das könnte dich die Hand kosten", ist die Situation in einem digitalisierten Arbeitsprozess viel komplexer. Die Komplexität muss heruntergebrochen oder spielerisch aufbereitet werden, um den heutigen Azubis und Auszubildenden Sicherheit zu geben. Ein digitaler Zwilling einer Maschine ist ein gutes Übungsobjekt, an dem keine Gliedmaßen in Gefahr geraten.

Aber was ist mit dem Thema Datenschutz, Markenrechte und Eigentum, wenn die Auszubildende das Übungsobjekt auf dem Smartphone mit in die Berufsschule nimmt und ihren Kolleginnen zeigt? Hier sind übergreifend Abteilungen in den Unternehmen und Interessensverbände gefordert, um Regeln im Umgang mit digitalen Daten zu finden. Die Verfügbarkeit und Mobilität von Daten verändert Vormachtstellung und Wissensvorsprung. Einen auf Papier gezeichneten Bauplan konnte ich im Safe aufbewahren. Heute reicht ein ein falsch verschickter Link und dein Wissen ist für immer in der Welt.

Christian Köhler:
Auch da ist eher der Mensch der entscheidende Faktor. Im Umgang mit Daten ist noch viel Bildungsluft nach oben, aber ich sehe da auch viele positive Entwicklungen. Vor allem, was das Thema Kollaboration über Grenzen hinweg anbelangt. Wenn ich eine gemeinsame Datenbasis habe, wo alle auf das Gleiche zugreifen und mir Sprachbarrieren egal sein können, dann sehe ich riesiges Potential, um wirklich große Dinge in Bewegung setzen zu können. Ohne den Austausch von Daten über Ländergrenzen hinweg, hätten wir nicht innerhalb eines Jahres einen Impfstoff gegen Corona gehabt.


Daten sind, das Cloud-Bild zeigt es, wie eine Wolke um uns herum. Auf dem Weg ins Büro, in der Werkhalle, in der Logistik. Wie können wir mit der Datenflut besser umgehen? Wie macht ihr Menschen klar, was nicht sichtbar ist, aber dennoch immer um uns herum?

Christian Köhler:
Ich denke, jeder weiß, wenn ich nach Digitalisierung in einer Bilddatenbank suche, dann erscheinen leuchtende Bildpunkte, die in Netzform miteinander verbunden sind - oft über Smartphones, Maschinen und Menschen.

Franz Ortner:
Ja, man weiß gleich, was gemeint ist. Aber wir schaffen ein besseres Verständnis für den Wert von Daten, wenn wir in Daten-Bildung investieren. Digitale Transformation heißt, datengesteuert zu arbeiten. Unternehmen in den USA investieren laut Tableau fast die Hälfte (41 %) in die Entwicklung von Datenliteralität oder -sprache. Wen ich die Sprache der Daten beherrsche, kann ich sie verstehen und verwenden und damit einen Mehrwert für das Unternehmen schaffen.

Marco Richardson:
Da sind wir wieder bei unserem Thema der digitalen Inklusion: Bisher ist Datenanalyse-Kompetenz in Silos wie dem Controlling zu finden. Gartner weist Dateninkompetenz als eines der größten Hemmnisse aus. Unternehmen müssen in Data Business Intelligence investieren, indem sie Analysefähigkeiten außerhalb der Rolle der Datenwissenschafter*innen kultivieren. In vielen Unternehmen ist es doch immer noch so, dass der Executive Level über Listen und Aufstellungen brütet und nach gefühlt einer Ewigkeit seine Handlungsempfehlung ausspricht. Da wird man vom Prozess überrollt.

Christian Köhler:
Ja, Daten müssen demokratisiert werden. Arbeitnehmer mit grundlegenden Datenkenntnissen sind in der Lage, die Daten, mit denen sie zunehmend konfrontiert werden, zu verstehen und anzuwenden - zu "übersetzen". Und sie sind in der Lage, geschäftliche Fragen zu beantworten und einen größeren Mehrwert für ihr Unternehmen zu schaffen.

Was sind die zentralen Punkte im Datenbusiness – könnt ihr das noch einmal in einfachen Worten zusammenfassen.

Franz Ortner:
Daten durchdringen alles in einem Unternehmen – Tools, Prozesse und am Wichtigsten: das Mindset der Mitarbeiter*innen. Die Verantwortung für datengetriebenes Geschäft muss sich auf alle Level ausbreiten. Und die IT im Unternehmen ist für den Überblick zuständig sowie die Harmonisierung der Datenströme.

Christian Köhler:
Wir als Anbieter von Data-Lösungen integrieren zunehmend Datenverwaltungsfunktionen, die nicht nur die IT-Abteilung, sondern auch andere User in den Unternehmen im Blick haben. Das kann man auch ganz gut als "Selbstbedienungstheke" beschreiben, aus der sich die Fachabteilung benötigte Daten ziehen kann.

Marco Richardson:
Eine mobile Selbstbedienungstheke, die ich genau dort abrufen kann, wo ich gerade Informationen brauche - kontaktlos und virtuell angeheftet an die lauteste Maschine oder im Reinraum.

Danke für das Gespräch.

Marco Richardson

Marco Richardson
Geschäftsführer
INCLUSIFY AG

Franz Ortner

Franz Ortner
Lead Expert Digital Solutions bei ACP

Christian Köhler

Christian Köhler
Cloud Channel Lead Austria bei NetApp

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